Rotterdam - Ein Bürgermeister, zwei Pässe

Publié le par Moore

Ein Bürgermeister, zwei Pässe

Fast die Hälfte der Einwohner Rotterdams kommt aus Migrantenfamilien. Wie ihr neuer Bürgermeister Ahmed Aboutaleb, der zum Ärger der Rechten zwei Staatsbürgerschaften besitzt.

 

"Akupunktur und chinesische Heilkunde" prangt in Knallrot über einem Laden neben chinesischen Schriftzügen. Zwei betagte Herren mit grauer Schirmmütze kommen plaudernd aus der Ladentür, sie sprechen chinesisch. Im "Toko" gegenüber erhält man alle Zutaten für ein original indonesisches Gericht und ein paar Meter weiter werden "Afro Kosmetik & Tropical Food" angeboten. Eine Frau spricht niederländisch mit den dunkelhaarigen Männern hinter dem Tresen der Fleischerei "Casablanca", eine andere Kundin arabisch. Geldzahlungen nach Pakistan, in die Türkei oder nach Brasilien organisiert der "Money Transfer", und drei ältere Männer in Dschellabas warten auf die Straßenbahn, während eine junge Frau surinamischer Abstammung vorbeiradelt.

Alltagsimpressionen aus Rotterdam. Aufgelesen während eines Stadtrundgangs mit Michiel Banning an der West Kruiskade im Stadtteil Oude Westen. Der Architekt ist Niederländer, er lebt seit 1997 in Rotterdam. Seine Mutter stammt aus der ehemaligen Kolonie Indonesien. "Der Unterschied zwischen Niederländern und Einwanderern wird immer geringer, so stark ist die Vermischung", sagt er. "Irgendwann wird man wohl kaum mehr von ,echten' Niederländern sprechen können."

Die Hafenstadt Rotterdam liegt im Delta von Nieuwe und Oude Maas. Hier haben Zuwanderer aus mehr als 167 Nationen ihr Zuhause. 277.043 der insgesamt 585.517 Rotterdamer sind Einwohner mit Migrationshintergrund, in Kürze werden es mehr als die Hälfte sein. Passend dazu hat am 5. Januar 2009 ein Migrant die Geschäfte im Rathaus übernommen: der in Marokko geborene Ahmed Aboutaleb. Rotterdam hat damit als erste niederländische Stadt einen Immigranten als Bürgermeister.

Auch die Eltern der 28-jährigen Hanan el Ouasghiri kommen aus Marokko. Die energische, eloquente Frau mit langen dunklen Haaren und modischer Brille ist waschechte Rotterdamerin, hier geboren, hier aufgewachsen. Sie studiert Verwaltungswissenschaften und arbeitet nebenher. Dass der neue Bürgermeister marokkanische Wurzeln hat, findet sie nicht wesentlich. "Als Bürgermeister muss Aboutaleb seine Qualitäten erst einmal beweisen", meint sie. "Aber ich bin stolz, dass einer den Sprung von Marokko in die Niederlande gemeistert hat. Hut ab! Er hat es geschafft, die Sprache zu lernen, hier zu studieren und sich in einer Kultur, deren Normen und Werte ursprünglich nicht die seinen waren, ganz nach oben zu arbeiten." Auf einen Chinesen mit einer solchen Lebensgeschichte wäre sie ebenso stolz.

 

Ahmed Aboutaleb kommt in eine polarisierte, schwierige Stadt. Rotterdam ist nach Amsterdam die zweitgrößte Stadt der Niederlande und sie zu steuern, ist eine Herausforderung. Nicht nur, weil hier viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen leben und ihre Integration Probleme schafft. Der Hafen, Armut, Sicherheit, Arbeitslosigkeit, Stadtentwicklung, Problembezirke sind andere wichtige Themen.

Rotterdamer haben weniger Geld zur Verfügung (25.500 Euro pro Haushalt) als ein durchschnittlicher niederländischer Haushalt (30.100 Euro), und Rotterdams Arbeitslosenquote ist mit 7,5 Prozent die höchste der Randstad - gemeint ist das Ballungszentrum Utrecht, Amsterdam, Den Haag, Rotterdam. Von 40 nationalen Problembezirken liegen allein sieben in Rotterdam. Weil das Sicherheitsempfinden der Bürger ein großes Thema ist, reagiert die Polizei auf Regelverstöße mit "null Toleranz" und präventiven Eingriffen. Vor allem aber ist Rotterdam eine Arbeiterstadt und abhängig von Europas wichtigstem Hafen.

An einem kleinen Binnenhafenbecken vorbei läuft Michiel Banning zur Nieuwe Maas. "Die Stadt hat lange mit dem Rücken zum Fluss gelebt", erzählt der dynamische Mann. "Das Ufer wurde, im Gegensatz zum Beispiel zur Seine, lange Zeit nicht als Ort angesehen, an dem man gerne sein und leben wollte." Er eilt schnellen Schrittes die Uferpromenade entlang auf die elegante Erasmusbrücke zu. Der Architekt weist auf die imposante Skyline mit den vielen Wolkenkratzern. "Manhattan an der Maas" hat die New York Times diese neue Architektur anerkennend genannt. "Das Herz der Stadt war weggebombt", sagt Michiel Banning. Durch Hitlers Luftwaffe 1940. "Die Rotterdamer haben ein neues Stadtbild konzipiert mit großzügigen Straßen statt Grachten." Und ab 1990 den schnellen Wiederaufbau mit ultramodernen Hochhäusern und feinen Glaskonstruktionen betrieben. Die Kunsthalle von Rem Koolhaas gehört dazu. Während Rotterdam sich mit einer kosmopolitischen Architektur schmückte, zogen Migranten in die billigen Häuser und Viertel, die es hier auch gab.

Rotterdam-Noord ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Stadt, die Innenstadt und das Ufer werden zunehmend attraktiver. Hier wohnen die Gutsituierten, hier liegen auch Viertel wie Crooswijk und Oude Noorden, die gemischt sind und Flair haben. In Rotterdam-Zuid dagegen dominieren öde, triste Siedlungen. Viele wurden in der Zeit zwischen 1900 und 1960 gebaut, als Bauern aus den Provinzen Brabant und Zeeland als Hafenarbeiter zuzogen. Hier leben Migranten und Arbeiterfamilien. Rotterdam-Zuid ist arm. "Der Fluss teilt diese Stadt in zwei Welten", sagt Michiel Banning. "Die Menschen wechseln nur selten das Ufer, wenn sie umziehen."

Voll beladene Binnenschiffe tuckern auf dem gritzegrauen, unruhigen Wasser vorbei. Von 1962 bis 2004 war Rotterdam der größte Hafen der Welt, jetzt sind Schanghai und Singapur vorneweg. Wir beugen uns über eine Karte. Über 40 Kilometer bis ins Meer hinein erstrecken sich die Hafen- und Industrieanlagen. "Am Ausgang legen die größten Containerschiffe an", erklärt Michiel Banning. Gut 400 Millionen Tonnen Güter und 12 Millionen Kubikmeter Rohöl werden hier umgeschlagen, über 86.000 Menschen arbeiten allein im Hafen. "Der Hafen ist der größte Arbeitgeber", sagt Michiel Banning. Doch die Krise ist auch in Rotterdam spürbar. Im letzten Quartal wurden 8 Prozent weniger Güter umgeschlagen und weniger Zeitarbeiter abgerufen. Für 2009 sind minus 5 bis 8 Prozent vorausgesagt. Prognosen mussten in letzter Zeit auch in den Niederlanden häufig negativ angepasst werden.

Unweit des Flusses kreuzen wir einen zugigen Platz mit dem Denkmal des Mannes, der nicht nur die politischen Verhältnisse in Rotterdam aufgemischt hat, Pim Fortuyn. Besucher haben frische Blumen niedergelegt. Der charismatische Rotterdamer und Rechtspopulist wurde am 6. Mai 2002 in Hilversum erschossen. Neun Tage vor den Wahlen zum nationalen Parlament, Fortuyn kandidierte aussichtsreich mit eigener Liste. Er hatte unter anderem das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft thematisiert und die "Islamisierung der Niederlande", ein Tabu seinerzeit. Die Partei "Leefbaar Rotterdam" (Lebbares Rotterdam), mit der er als Spitzenkandidat bei den Stadtratswahlen im März 2002 einen triumphalen Sieg errungen hatte, war ins Rathaus eingezogen. Die Sozialdemokraten wurden in ihrer eigenen Stadt in die Opposition entlassen. Ein unvorstellbares Ereignis.

"Auch Migranten haben für Fortuyn gestimmt, weil er die Dinge beim Namen genannt hat", sagt Leyla Köseoglu, 52. Die temperamentvolle, schick gekleidete Frau, die gerne lacht, ist vor 24 Jahren aus der Türkei in die Niederlande emigriert. Sie hat studiert und arbeitet in der Gesundheitsfürsorge. "Insbesondere Zuwanderer der ersten Generation haben immer sehr viel Mühe", berichtet sie, "weil sie die Gewohnheiten nicht verstehen, Informationen nicht begreifen. Ich habe es selbst so erlebt, mich total isoliert gefühlt und ich bin inzwischen in Rotterdam wirklich zu Hause." Leyla Köseoglu begrüßt den Amtsantritt des neuen Bürgermeisters. "Aboutaleb ist streng gegen asoziales Benehmen, das ist mir recht. Die Nationalität ist mir überhaupt nicht wichtig", sagt sie. "Mich interessiert, wie jemand mit Menschen, mit Bürgern umgeht. Ob einer für das Zusammenleben das Beste tut, das ist wichtig."

Es gibt noch immer viele Rotterdamer, die Mühe mit der ethnischen Diversität in ihrer Stadt haben. Zwar eroberte die PvdA der Sozialdemokraten bei der Wahl in 2006 wieder die Führung, die alte Fortuyn-Partei Leefbaar Rotterdam sitzt nun als stärkste Opposition im Rathaus. Als der Amsterdamer Aboutaleb im Herbst als neuer Bürgermeister nominiert wurde, kam postwendend Protest. Er sei Repräsentant der Gruppe, die in den Niederlanden Probleme verursache, hieß es. Inzwischen tönt es leiser, bei der Amtseinführung am Montag dieser Woche überreichte ihm Marco Pastors, der Vorsitzende von Leefbaar Rotterdam, einen frankierten Umschlag, adressiert an den marokkanischen König. Aboutaleb solle seinen Pass zurückgeben und damit Loyalität beweisen, ansonsten sei man mit Aboutaleb "nicht unzufrieden". Dennoch fand der offizielle Akt für den neuen Bürgermeister unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen statt.

In einem Interview mit Vrij Nederland hat Ahmed Aboutaleb sich seinerseits besorgt darüber geäußert, dass "die Armut in den Niederlanden Gefahr läuft, eine Farbe zu bekommen". Sie sei dabei, sich dunkel zu färben. Der neue Bürgermeister wird in Rotterdam gut zu tun haben. An allen Fronten.

 

 

 

Ahmed Abouraleb

Rotterdams neuer Bürgermeister besitzt einen niederländischen und einen marokkanischen Pass. Damit lenkt erstmals ein Einwanderer eine niederländische Stadt und erstmals ein Muslim eine europäische Großstadt. 1961 als Sohn eines Imams in Marokko geboren, kam Aboutaleb 1976 in die Niederlande. Der Sozialdemokrat war Stadtrat in Amsterdam und zuletzt Staatssekretär für Soziales in Den Haag. Aufsehen erregte seine Kritik an der Haltung der marokkanischen Gemeinschaft nach dem Mord an Theo van Gogh durch einen islamischen Fundamentalisten. Er fordert mehr Anstrengungen von Zuwanderern, sich zu engagieren und zu integrieren.

                                                                         Olivier Medjo Ndille

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Publié dans Medjo

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